Auf mein Herz und du mein ganzer Sinn

Veröffentlicht am 12.01.2017

Das Fehlen von Sinn ist die Pandemie unserer Kultur – und sie wütet besonders in der Arbeitswelt. Man spricht nicht ohne Grund von der „erschöpften Gesellschaft“. Deshalb sind Arbeitgeber und Führungskräfte gut beraten, dafür Sorge zu tragen, dass ihre Mitarbeiter einen Sinn in ihrer Arbeit erkennen und erfahren. Denn wie schon Friedrich Nietzsche treffend formulierte: „Wer ein Warum zum Leben hat, erträgt fast jedes Wie.“ Wer einen Sinn in seinem Tun erschließt, geht weniger leicht in die Knie. Und dabei wiederum können wir hilfreich sein, indem wir darüber aufklären, was Sinn überhaupt ist – und wie Sinn erfahren werden kann.

von Manuela Broz

Meistens meinen wir, etwas sei dann sinnvoll, wenn es nützlich ist, wenn es einen Zweck erfüllt oder dazu dient, ein Ziel zu erreichen. Diese Interpretation ist von Gebrauchsgegenständen abgeguckt. Deren Sinn liegt tatsächlich darin, einen bestimmten Zweck zu erfüllen oder nützlich zu sein. Denn natürlich kann man sagen: „Der Sinn und Zweck einer Espressomaschine besteht darin, einen guten Espresso machen zu können.“ Das leuchtet unmittelbar ein, aber es lässt sich nicht auf den Menschen übertragen. Der Mensch ist kein Gebrauchsgegenstand. Und wenn er fragt: „Kann ich mich irgendwie nützlich machen?“, dann ist das zwar eine höfliche, aber keine sinnerschließende Frage. 

Denken Sie nur an den treuen Arbeitnehmer, der sich zeitlebens nützlich gemacht hat, immer seinem Chef zunutze war, der sich ganz den Zielen der Firma untergeordnet hat. Und der dann - mit Mitte 50 - plötzlich eine Kündigung bekommt oder seinen Arbeitsplatz gefährdet sieht. Und nun noch fleißiger wird, sich noch öfter nützlich macht. Bis er mit Burn-out in die Knie geht. Dieser Mann hat zwar einem Zweck gedient, aber dieser Zweck hat sein Leben nicht sinnvoll gemacht. Genauso wenig kann es der Sinn des Arbeitens sein, möglichst viel Rendite zu erwirtschaften oder ein möglichst hohes Einkommen zu bekommen. Man kann sich diesem Zweck verschreiben, aber damit ist noch lange nicht die Sinnfrage beantwortet. Gerade diejenigen, die sich irrtümlich den Sinn ihres Arbeitens vom Erreichen solcher Ziele und Zwecke versprechen, gehen oft mit Burn-out in die Knie. 

Sinn ist das Ereignis des Bejahens. Bejahen hat mit Ganzherzigkeit zu tun. Einer inneren Entscheidung. Wir erfahren Sinn, wenn wir mit uns selbst und mit der Welt im Einklang sind – wenn wir uns und unsere Arbeit gutheißen. 
Und das ist nie das Produkt einer intellektuellen Operation. Es ist auch nicht das Produkt einer bestimmten Sinnstiftungsstrategie, sondern es ist das Ereignis, das sich dann einstellt, wenn wir mit uns und unserem Tun innerlich verbunden sind; wenn wir eine emotionale und voluntative Beziehung dazu haben – das heißt, wenn wir wirklich von unserer Arbeit berührt sind, wenn wir innerlich an ihr beteiligt sind, wenn sie uns inspiriert und begeistert, wenn sie uns anmacht und wir uns von ihr angehen lassen. Man könnte auch sagen: wenn wir ein erotisches Verhältnis zu unserer Arbeit haben, wenn wir con amore arbeiten, wenn wir mit dem Herzen bei der Sache sind und nicht allein mit dem Kopf. Will sagen: Arbeitgeber und Führungskräfte, die ihre Mitarbeiter vor Burn-out schützen wollen, sollten deren Begeisterungsfähigkeit steigern und stützen. Das können Vorgesetzte allerdings nur tun, wenn sie selbst ganzherzig unterwegs sind:

Ich tue, was ich tue mit „ganz“ aller Energie. Oder aber ich lass es. Mein Denken und mein Fühlen, meine ganze Energie bündelt sich in jeder meiner Handlungen. Ich werde „ja“ sagen zu meinen Handlungen, weil dann das Handeln Freude macht. Ich habe die Kraft „nein“ zu sagen, wenn ich mich nicht mit einer Handlung identifizieren kann. Ich werde, wenn ich handle, nicht von besseren und angenehmeren Dingen träumen, denn dann wär mein Handeln nur halbherzig. Halbherzigkeit kostest viel Energie, denn alleine die Gründe zu finden, warum man in etwas nicht das ganze Herz hineingibt, kostet Aufwand.

In Gesprächen werde ich oft gefragt, ob es den halbherzig wäre, wenn man sich nur für einen kleinen zeitlichen Teil für etwas einsetzt. Diese Frage lässt sich aus meiner Sicht einfach mit einem „Nein“ beantworten. Denn ein geringes zeitliches Engagement in etwas, was für einem Sinn macht, ist ganzherzig, voraussgesetzt das Commitment der Selbst-Verpflichtung in dieser Sache leitet mein Handeln. Halbherzigkeit hat also nichts mit dem zeitlichen Engagement zu tun, vielmehr mit der Einstellung.

Sebastian schrieb mir letztes Jahr in etwa 15 verschiedenen Mails die allesamt den gleichen Inhalt hatten, warum er mich nicht treffen kann. Er erklärte mir, womit er aktuell beschäftigt ist, und mit der Aufzählung seines aktuellen Engagement sollte mir als Leserin einleuchten, und das tat es auch, warum einfach kein persönlichesTreffen stattfinden kann, warum die Bemühungen für Weiterentwicklung in eine Zusammenarbeit im Sand verlaufen und austrocknen. Die Schreiben endeten immer in der Bekräftigung, dass er an einer Zusammenarbeit festhalte, denn der Sinn meiner Sache wäre für ihn ganz klar gegeben. 
So würde es in diesem Jahr weiteregehen, wenn ich nicht den Mut dazu gehabt hätte, die Frage nach seiner Ganzherzigkeit zu stellen.
Ja, manchmal muss man den Menschen helfen „nein“ zu sagen. Ich tue, was ich tue mit „ganz“ aller Energie. Oder aber ich lass es. Ich habe Sebatian geholfen, weiter seine Energie durch Halbherzigkeit zu verschwenden und ihm den Entscheid abgenommen, es doch zu lassen.
Arbeit darf nicht zum Übel werden, zum Muss. Anstrengung ohne Lust führt zu ähnlichen Erscheinungen wie Verwöhnung: Zu Krankheiten, Gewalt und Drogenkonsum. Diese Worte habe ich 1998 anlässlich eines Vortrages in Basel vom inzwischen 90jährigen Felix von Cube gehört. Der Mathematiker und Biologe hat sich dem Thema „Lust an Leistung“ verschrieben und kommt seit Jahren zu spannenden Erkenntnissen, die unser Thema von Ganzherzigkeit und Sinn verdeutlichen: 

„Die richtige Lösung heisst weder Lust ohne Anstrengung noch Anstrengung ohne Lust, sie heisst einzig und allein: Lust in der Anstrengung selbst, Lust an Leistung“. Unter welchen Bedingungen erlebt man Lust an Leistung?
Cube spricht von instinktiven Trieben aus der Verhaltensbilogie; dem Nahrungs-, Sexual-, Aggressions- und Neugiertrieb verbunden mit Reizen. Daraus ergeben sich unterschiedliche Handlungsbereitschaften. Wenn wir sehr hungrig sind, sind wir über ein Stück trockenes Brot sehr froh, wenn wir aber gut gegessen haben und - der Lust wegen- noch weiter essen wollen, brauchen wir etwas besonders Leckeres. Cube kommt mit dieser These, die ich hier nicht in ihren tiefen Facetten erläutern kann (siehe Video) zum Schluss, dass die strikte Trennung von Arbeit als Anstrengung und Freizeit als Lust ein grosser Fehler ist und eine unnatürliche Trennung ist. Damit zeigt er auf, wie wichtig es ist, Ganzherzigkeit zu fördern. In der Sinnfrage und in der Heruaforderung. Als erstes ist die Arbeitswelt so zu gestalten, dass der Mitarbeiter permanent „Flow“ (M. Csikszentmihaly) erlebt. Das bedeutet, dass er auf der Basis von Sicherheit und Kompetenz immer weiter „ausholen“ können muss. Er muss neue Aufgaben zu lösen bekommen- seien es andersartige oder schwierigere- oder er muss Gelegenheit erhalten, selbst neue Probleme zu finden und in Angriff zu nehmen. Das zweite Naturgesetz der Führung besteht in der Organisation von Anerkennung. Das dritte Naturgesetz der Führung besteht in der Herstellung von Bindung. Gemeinsames Handeln verstärkt Bindung. Das vierte Naturgesetz der Führung lautet: Gemeinsames Handeln organisieren. Vorgesetzte machen einen Kardinalsfehler, wenn sie nur unangenehme Arbeiten „nach unten“ delegieren. Eine solche Lustabschöpfung führt zur inneren Emigration oder zur Flucht in die Freizeit. Zur fünften Führungsaufgabe zählt, laut Cube das verantwortliche Handeln. Hier geht es von der sozialen Verantwortung gegenüber Mitarbeitern über die Vermeidung von Schädigung der Umwelt bis zum globalen Umgang mit anderen Menschen und Sozietäten. Felix von Cube zitiert gerne den Zoologen, Nobelpreisträger und Verhaltensforscher Konrad Lorenz, der die evolutionäre Situation des Menschen treffend charakterisiert:

„Die Selektion hat den Menschen unter die Arme gefasst und ihn auf die Füsse gestellt und dann die Hände von ihm weggezogen. Und jetzt: Stehe oder falle- wie es dir gelingt!“ 

Der Mensch fällt aber nur dann nicht, wenn er die Gesetze der Natur, insbesondere auch seiner eigenen Natur, besser studiert.“ 

Ganzherzigkeit heisst für mich, zu studieren, zu reflektieren und ein inneres „Ja“ zu erteilen, zu dem, was mir als sinnhaft erscheint. Ein „Nein“ ist demnach ein klarer, ganzherziger Entscheid, etwas nicht zu tun. Ein formelles „Ja“ ohne das innere „Ja“ und damit ausbleibendem spürbaren Commitment zu einem Menschen oder einer Sache ist Halbherzigkeit. Oder können Sie mir sagen, wie man ein bisschen führt oder ein bisschen liebt?

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